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Interessenvermischungen zwischen Industrie und Forschung - wenn Geld wichtiger ist als Wissenschaft

Dienstag, August 8th, 2017

LobbyControl nimmt in seinem Sonder-Newsletter vom 14. Juli 2017 das Buch von Prof. Christian Kreiß über „Gekaufte Forschung“ (Kreiß, Christian 2015: Gekaufte Forschung - Wissenschaft im Dienst der Konzerne - Irrweg Drittmittelforschung. EUROPA VERLAG Berlin-München-Wien. ISBN: 978-3-944305-72-1) zum Anlass, auf den Einfluss von Konzernen auf Wissenschaft und Hochschulen aufmerksam zu machen. Denn Kreiß geht auf der Basis akribischer Recherchen davon aus, dass mittlerweile der Großteil der Forschung in Deutschland von der Industrie beeinflusst ist. Er stellt die Frage, ob die öffentliche Mission der Hochschulen noch gewährleistet sei. Als zentrales Problem gilt nach Kreiß: wer mit „Drittmitteln Forschung betreibe verliere seine Unabhängigkeit“ denn „geforscht wird, was Geld bringt“.

Als Beispiel nennt Kreiß das “Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft” (HIIG), gegründet 2011/12. Es stellt ein sog. An-Institut der Humboldtuniversität dar, für das aber GOOGLE der Haupt-Geldgeber ist. Dieser Internetkonzern hat anfangs 4,5 Millionen Euro für die ersten drei Jahre bereitgestellt und inzwischen ist die Finanzierung in der gleichen Höhe bis 2019 gesichert.

Die Arbeiten kreisen um Urheberrecht, Entrepreneurship, digitale Verwaltung, vernetzte Städte, Datenjournalismus, den Öffentlichkeitsbegriff, Medienregulierung, Konstitutionalismus. Auffällig viele juristische und wirtschaftsnahe Themen finden sich im Portfolio des Instituts, dagegen kaum geisteswissenschaftliche oder kommunikationsphilosophische Ansätze. (siehe auch Zeit-Artikel vom 16.12.2013: Internet-Institut kämpft gegen den Ruf als “Google-Uni”)

Für die kritischen Leser ist es in diesem Zusammenhang interessant zu erfahren, dass u.a. auch das „Hans-Bredow-Institut für Medienforschung“ (HBI) in Hamburg (das aktuell an der neu gegründeten „News Integrity Initiative“ (NII) beteiligt ist, die von Facebook und weiteren Unternehmen mit 14 Millionen Dollar finanziert wird) von Anfang an ein enger Kooperationspartner des HIIG war und bis heute ist.

Das Hans-Bredow-Institut erhielt von der Bundesregierung 2006 den Auftrag, ein Gutachten über den Stand der Medienwirkungsforschung und dessen Bezug zur Jugendmedienschutzregulierung zu erstellen. Durch dieses Gutachten, das 2007 vorgelegt wurde, nahm das HBI entscheidenden Einfluss auf die zukünftige Gestaltung der Medienkontrolle bei den Produkten einer milliardenschweren Games Industrie. Bereits 2008 wurde beim HM-Medienkongress von Universität und Hochschule München auf gewisse Abhängigkeiten deutlich aufmerksam gemacht.

Zwar liegt das zeitlich vor der Liaison mit dem HIIG, dennoch erscheint eine Verbindung recht wahrscheinlich, wie der Autor in seinem Vortrag auf dem HM-Medienkongress aufzeigen konnte.
Denn als Basis für das Gutachten im „wissenschaftlichen“ Bereich über Gewalt in Computerspielen diente insbesondere eine Expertise von Prof. Fritz (FH Köln). Neben wissenschaftlichen Unzulänglichkeiten und Fehleinschätzungen in diesem Sub-Gutachten wurde im Vortrag des Autors dieses Artikels ein entscheidender Zusammenhang aufgedeckt: Fritz hält ein gesetzliches Verbot solcher Gewaltspiele aus seiner Expertensicht „nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen“ für unnötig. Seine Schlussempfehlung lautet dann auch, dass Eltern und Pädagogen durch „Weiterbildung“ geschult werden sollen, solche Gewaltspiele zu akzeptieren und Kinder und Jugendliche dafür passend zu machen. Dazu, erklärt Fritz, müssten Kinder eine “Rahmungskompetenz“ entwickeln. Diese eigene Wortschöpfung und Beschreibung entbehrt jeder wissenschaftlich-psychologischen Basis. Es bedeutet jedoch nach seiner Logik, dass Töten und Foltern als „ästhetische Konvention“ akzeptiert werden sollen. In der Praxis soll dies umgesetzt werden, indem solche Rahmungsfähigkeiten vermittelt werden, z. B. in einem Institut wie „Spielraum“, einer Initiative von Herstellerkonzern Electronic Arts gemeinsam mit den Professoren Fritz und Kaminski an der Fachhochschule Köln. Von diesem Konzern wurde außerdem ein Lehrstuhl an dieser FH finanziert. Ein weiteres Musterbeispiel für die Kernaussage in „Gekaufte Forschung“.

Hier allerdings mit fatalen Folgen, denn von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), einer freiwilligen Einrichtung der Computerspielewirtschaft, werden bis heute zunehmend Spiele freigegeben, die mit menschenverachtenden Gewaltexzessen den Spieleherstellern und -vertreibern Milliardengewinne einfahren. Diesen Freibrief hat das Bredow-Institut mit zu verantworten, die allzu (gutachter-)gläubigen Politiker, und die Politiker, denen der Wirtschaftsstandort Deutschland einer expandierenden Games Industrie wichtiger ist als das Wohl unserer Kinder. Und es gibt sehr viele, die vor der Wirtschaft in die Knie gehen.

Dr. Rudolf H. Weiß